Tilt-Shift Fotografie kurz erklärt & zum Selbermachen

Hält man einen seiner Daumen weit vom Auge entfernt, sieht man diesen wie auch die Umgebung scharf. Verringert man jedoch den Abstand zum Auge auf 10cm und blickt auf den Daumen, so erscheint dieser scharf, die Umgebung unscharf. Ein einfacher optischer Effekt: mit selektivem Fokus werden bestimmte Teile eines Bildes fokussiert und damit scharf abgebildet.

Die Bildwirkung von Miniaturlandschaften, wie sie Tilt-Shift ermöglicht, wird wesentlich vom Verhältnis der „Objektgröße zur Fläche des aufnehmenden Mediums“ beeinflusst. Konkret bedeutet dies: „Je kleiner das fotografierte Objekt, desto geringer der Bereich der Tiefenschärfe“, also so deutlicher der Effekt der Unschärfe, je Tiefer man in das Bild hinein schaut. (via)

Um den Miniatureffekt zu erzielen, spielt auch die Bildkomposition eine wichtige Rolle. Die Vogelperspektive ist entscheidend, um den Eindruck einer Spielzeuglandschaft zu erhalten. Zusätzlich sollte man Elemente vermeiden, die Unendlichkeit vermitteln, wie bspw. der Himmel oder das Meer. Das Bild sollte also auf überschaubarem Raum gestaltet werden. Abstand zu den Detailobjekten und eine gewisse Anzahl an Objekten machen die Komposition letztendlich interessant und vollständig.

Tilt & Shift, Objektive zum Verschwenken & Verschieben

Technik & praktische Anwendung (production)

Die Tilt-Shift-Objektive lassen sich technisch bedingt nur manuell fokussieren. Den vorderen Teil der Objektive, welche beide Funktionen, Tilt und Shift, beinhalten, bildet die Tilt-Funktion. Das Objektiv lässt sich hier über ein Einstellrädchen und eine zugehörige Skala kippen (oder auch „verschwenken“) und über ein anderes Rädchen auf der anderen Seite feststellen. Selbiges gilt auch für die Shift-Funktion, deren unterer Teil des Objektives verschoben werden und ebenfalls festgestellt werden kann. Beide Funktionen sind über ein T oder S gekennzeichnet. Zusätzlich lassen sich die Tilt- und Shift-Funktion des Objektivs jeweils um 90° drehen.


(Produktfoto Objektiv TS-E 17mm 1:4L; Copyright Canon Deutschland GmbH, via)

Funktionsweise der Shift-Funktion

Betrachtet man ein Tilt-Shift-Objektiv mit einem hinsichtlich Brennweite vergleichbaren Weitwinkelobjektiv, so fällt auf, dass die hintere Linse bei Ersterem in das Objektiv versetzt ist, wohingegen sie beim Standardobjektiv mit dem Objektiv endet. Optisch hat dies einen größeren Bildkreis beim Tilt-Shift-Objektiv zur Folge. Der Bildkreis ist somit größer als die Fläche, die der Sensor abbildet. Dadurch besteht Raum, das Objektiv und damit das Motiv auf dem Sensor zu verschieben:

Schaut man sich diese Möglichkeit in der Praxis an, so hat dies optisch zur Folge, dass stürzende Linien an den Rändern der Linsen entzerrt werden. Nachteile der Perspektive hinsichtlich gerader Linienführung an bspw. hohen Gebäuden werden hierdurch ausgemerzt.

Die Shift-Funktion ermöglicht also perspektivische Korrekturen.

Funktionsweise der Tilt-Funktion

Das „Verschwenken“ basiert auf dem Scheimpflugschen Prinzip. Dieses besagt folgendes: Liegen Motiv- und Sensorebene parallel zueinander (…), liegen die Brennpunkte alle auf der Sensorebene und das abgebildete Bild ist scharf:

Wird die Motivebene gekippt bzw. liegt sie nicht mehr parallel zur Sensorebene, ist es unausweichlich, dass einzelne Brennpunkte nicht auf der Sensorebene liegen und damit Teile des Bildes unscharf werden:

Verschwenkt/kippt man nun das Objektiv, so lassen sich bestimmte Brennpunkte wieder auf die Sensorebene verlagern mit dem Ergebnis, dass das Bild wieder scharf erscheint:

Dies ermöglicht es Bereiche im Bild (selektiv) zu fokussieren, was zuvor aus der gleichen Perspektive nicht möglich war. Hier ein Beispiel des diagonalen, selektiven Fokus über die beiden Glasflaschen, wohingegen mit einem normalen Objektiv bei Fokussierung des linken Erdbeerglases die rechte Dose ebenfalls scharf abgebildet wäre, das hintere Glas jedoch nicht:

Die Tilt-Funktion ermöglicht damit eine Verlegung des Schärfebereiches. Dabei können vergleichsweise geringere Belichtungszeiten erreicht werden, wenn man mit einem normalen Weitwinkelobjektiv die gleiche Tiefenschärfe abbilden möchte.

„Fake“ Tilt-Shift, Software zum Verschwenken

Miniatureffekte einfach selbst erzeugen (post-production)

Software gibt es, zur Simulation des Tilt-Effektes zuhauf. Die Shift-Funktion kann hierbei i.d.R. nicht in der Nachbearbeitung angewandt werden, weshalb die Benennung der einzelnen Programme irreführend ist. Perspektivische Korrekturen sind meist in teure(re)n Grafik-/Zusatzprogrammen möglich, wie bspw. Photoshop. Dort sind dann in Datenbanken die Krümmungsgrade der Objektive hinterlegt, welche es auf dem Markt gibt. Entsprechend können diese dann, je nach genutztem Objektiv des aktuellen Bildes, angewandt werden.

Aufgrund der Tatsache, dass die Optimierung der Bilder nicht auf optischer Basis mit speziellen Objektiven, sondern post-productive, also nach Aufnahme durchgeführt wird, werden diese Änderungen auch „Fake“ Tilt-Shift genannt.

Dieser künstliche Tilt-Effekt ist etwas aufwändiger und manuell mit den gängigen Fotografie-Programmen wie Photoshop, Aperture & Co. möglich, mit hierfür speziellen Plugins für zuvor genannte oder separaten kostenlosen und kostenpflichtigen Programmen.

Kostenfrei ist derzeit bspw. der TiltShift Generator, welcher für iPhone und iPad erhältlich ist oder für PC und Mac, dank Adobe Air. Das Programm selbst überzeugt mit seinen Funktionen und der Usability nicht so richtig, ist aber für den Basiseffekt allemal gut zu gebrauchen.

Der Tiltshiftmaker ist wohl der Klassiker unter den Tools, da er wohl einer der ersten (ehemals kommerziellen) Programme war, welche auf dem Markt verfügbar waren. Die Besonderheit hier ist, dass der Tiltshiftmaker eine Webapp ist und die Bilder ohne zusätzliche Software online hochgeladen, tilt-shifted und wieder runtergeladen werden können. Bis vor kurzem war dieses Tool noch kostenpflichtig. Natürlich sollte man sich hier vor der Nutzung die AGB genauer anschauen, wie bei jedem anderen Online-Tool, welchem man seine Fotos anvertraut.

Gute, kostenpflichtige Tools für den Mac sind Focus, TiltShiftFocus und TiltShift. Die Preisspanne reicht hierbei von 4€ bis 20€ mit ähnlicher Grundausstattung.

Ich persönlich verwende TiltShiftFocus und bin damit sehr zufrieden. Die Qualität der Software hinsichtlich Performance, Funktionsumfang und Stabilität hat sich seit dem letzten Update spürbar verbessert und war zuvor ein deutliches Manko. In einem anderen Blogbeitrag hatte ich bereits (zur Vorgängerversion) über das Programm berichtet.

Plattformübergreifend können neben o.g. TiltShift Generator auch Gimp und Photoshop verwendet werden. Für Android gibt es spezielle Fotoapps, wie Camera 360, Camera ZOOM FX, BeFunky Photo Editor und PicSay Pro, welche nicht immer überzeugend, den Tilt-Effekt auf die Mobilgeräte bringt.

Und zum Abschluss möchte ich noch einmal auf dieses tolles Video verweisen, welches die Tilt-Technik effizient einsetzt und immer wieder beeindruckend ist anzuschauen:

Tilt-Shift Fotografie kurz erklärt & zum Selbermachen
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